Einige Anzeichen dafür, dass Dein vierzigster Geburtstag hinter Dir liegt

5. Dezember 2014

Du erwachst um halb sechs Uhr früh und freust Dich darüber.

Du nennst Deine Mutter »Oma«, seit Dein Sohn das tut.

Du entsorgst Deine Jeans, weil Du den Stoff als ordinär empfindest.

Du gibst ordentlich Geld aus für nichtordinäre Stoffe.

Du stellst fest, dass sich die Jugendlichen in einer Dir fremden Sprache unterhalten.

Du erscheinst fünfzehn Minuten vor Zugsabfahrt am Bahnhof.

Du weißt, wie gut Du es hast.

Du versuchst nicht mehr, Deine Mitmenschen zu ändern.

Du versuchst nicht mehr, Dich selbst zu ändern.

Du beschäftigst Dich gedanklich häufig mit Deinem Tod. Es amüsiert Dich.

Du trennst Dich von allen möglichen Besitztümern, da Du in ihnen unnötigen Ballast siehst und Du ja sowieso sterben musst.

Du hast die Schrullen, die Du Dir angeeignet hast, so liebgewonnen, dass Du mit ihnen prahlst.

Du fragst Dich, wo eigentlich das Drama hingekommen ist, Ihr wart Euch doch mal so nah.

Du verschränkst beim Gehen und Stehen die Hände hinter dem Rücken.

Dir fällt auf, dass Dir früher aufgefallen ist, dass das nur alte Männer tun.

Du hast das Spiel mit den Frauen endlich durchschaut.

Du lachst über die Ironie, dass Du keine Lust mehr hast, dieses Wissen zu Deinem Vorteil einzusetzen.

Du besitzt einen Nasenhaarschneider.

Die September-Liste

9. September 2014

1. Wer etwas über andere sagt, meint sich selbst.

2. Wer etwas über sich selbst sagt, meint das Gegenteil.

3. Angesichts dessen, dass es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit handelt, wird in der Werbung verblüffend oft mit der Frische von Lebensmitteln argumentiert.

4. Beziehungen gestalten sich gern als ständiger Kampf um die intellektuelle Majestät, was dazu führt, dass man jeden seiner Einfälle für einen brillanten Standpunkt hält und die Äußerungen des Partners grundsätzlich für dummes Geschwätz, was vor allem dann problematisch ist, wenn es sich genau umgekehrt verhält.

5. Menschen, die auf keinen Fall verletzt werden wollen, verhalten sich ausgesprochen verletzend.

6. Es gibt drei Sorten von Antisemiten: jene, die stolz darauf sind, jene, die es nicht zugeben wollen, und jene, die es nicht wissen.

7. Das Wort »einigermaßen« wird mysteriöserweise ausschließlich ironisch verwendet und entsprechend betont.

8. Die Idee, man begehre seinen Partner für den Rest des Lebens, ist schon deshalb absurd, weil das Begehren sich ja auch schon vorher auf zahlreiche andere Menschen gerichtet hat.

9. Wer nie ernstgenommen wurde, der nimmt niemanden ernst.

10. Es ist faszinierend, wieviel in einen kurzen Blick hineinpasst.

11. Die Leute geben ihre Probleme nur sehr ungern her.

12. Manchen ärgert man am besten, indem man einfach zufrieden ist.

13. In der Ferne ist man wieder ganz sich selbst.

14. Bisweilen hat man einfach nur Angst vor dem nächsten Schritt.

15. Eitelkeit erfordert gewiss keine Schönheit.

Meyer rät, Folge 4

23. Juni 2014

Ich hatte eine kurze, unbedeutende Affaire – muss ich sie meiner Partnerin gestehen?

Was Liebe und Partnerschaft anbelangt, sind zwei Dinge streng auseinanderzuhalten: Ideal und Wirklichkeit. Das Ideal der Liebe ist eigentlich ziemlich bescheuert. Es besagt, dass ein Partner wie ein Füllhorn operiert und einen bis zum Tod zuverlässig und konstant mit tollen Gefühlen aller Art versorgt, nicht  zuletzt der erotischen Art.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Jeder muss sich eines Tages eingestehen, dass es, entgegen aller Schwüre, die er geleistet hat, eine Menge andere Menschen gibt, die er scharf findet, und dass dies bei einigen fatalerweise auf Gegenseitigkeit beruht. Irgendwann geht man dann mit einem davon ins Bett. So wie Sie es nun getan haben, und das vermutlich mit einigem Genuss.

Das ist nicht das Problem, sondern eben die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist banal: Mit wem wir auch immer zusammen sind, wir werden irgendwann mit anderen Menschen Sex wollen und meist auch haben. Das Problem ist, dass wir darin etwas Verwerfliches sehen. Wir reden, wenn jemand mit einem anderen Menschen geschlafen hat als dem, mit der er es üblicherweise tut, von Betrug und Mistkerl und Schlampe. Es ist aber nicht der Akt des Fremdbegehrens und Fremdgehens, der verwerflich ist, sondern die feige Lüge, mit der all dies verhüllt wird.

Sie hätten Ihrer Partnerin von Anfang an sagen sollen, dass es jemanden gibt, der Ihnen gefällt. Das hätte sie nicht gern gehört, aber Sie hätten zusammen ein neues Niveau der Offenheit und damit der Partnerschaft erreichen können. Nun haben Sie stattdessen ein schlechtes Gewissen und erwägen, wie ein Teenager um Vergebung zu bitten. Ja, reden Sie mit Ihrer Partnerin, aber erst, nachdem Sie zu dem stehen können, was Sie getan haben. Das ist eine andere Voraussetzung – eben eine realistische.

 

Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie sie an magazin@sonntagsblick.ch, mit dem Betreff »Meyer«. Die Kolumne »Meyer rät« erscheint wöchentlich im Magazin des Sonntags-Blicks.

Meyer rät, Folge 3

16. Juni 2014

Kürzlich sass neben mir im Kino ein Mann, der die Körperpflege offensichtlich vernachlässigte, kurz: er stank. Wie verhält man sich in einem solchen Fall?

Lassen Sie mich mit einem eigenen betrüblichen Erlebnis beginnen. Ich sass einst mit einem Freund in einem indischen Restaurant in Zürich. Kurz, nachdem unser Mittagessen serviert worden war, setzte sich eine Dame an den Nebentisch, die sich dermassen stark parfürmiert hatte, dass ich mein eigenes Essen nicht mehr riechen konnte (was angesichts der aromatischen indischen Küche wirklich bemerkenswert ist). Es war schlicht ekelerregend, zumal diese Frau – konsequenterweise – ein sehr billiges Parfüm trug. Und noch heute ärgere ich mich, dass ich sie nicht auf ihr asoziales Verhalten hingewiesen und gebeten habe, sich woanders hinzusetzen.

Allerdings hätte sie mit hoher Wahrscheinlichkeit höchst unerfreut reagiert, so wie die meisten Raucher sofort ausfällig werden, wenn man ihnen sagt, ihr Rauch störe einen. Man kennt diese Leugner des Verursacherprinzips aus dem Strassenverkehr: Erst verweigern sie einem den Vortritt und zeigen einem dann den Finger, nachdem man gehupt hat. So sind sie leider, die Menschen: eine Bande von selbstherrlichen, uneinsichtigen Rüpeln, die glauben, sie seien allein auf der Welt.

Die Frage ist einfach, was es nützt, ihnen das zu sagen. Eine solche Situation würde ziemlich sicher eskalieren, denn von einem, der müffelt, sind auch keine feinen Manieren zu erwarten. Erst recht nicht, wenn er, wie der Mann in Ihrem Fall, einen reservierten Sitzplatz neben einem hat.

Die Antwort auf Ihre Frage lautet deshalb: Suchen Sie sich von Anfang an einen anderen Platz. Eine Auseinandersetzung bringt hier nichts. Es steht Ihnen aber eine subtile Form der Zurechtweisung zur Verfügung: Gucken Sie den Stinker richtig böse und kopfschüttelnd an, während Sie aufstehen – er wird dann schon wissen, weshalb!

 

Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie sie an magazin@sonntagsblick.ch, mit dem Betreff »Meyer«. Die Kolumne »Meyer rät« erscheint wöchentlich im Magazin des Sonntags-Blicks.


 

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