Die September-Liste

9. September 2014

1. Wer etwas über andere sagt, meint sich selbst.

2. Wer etwas über sich selbst sagt, meint das Gegenteil.

3. Angesichts dessen, dass es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit handelt, wird in der Werbung verblüffend oft mit der Frische von Lebensmitteln argumentiert.

4. Beziehungen gestalten sich gern als ständiger Kampf um die intellektuelle Majestät, was dazu führt, dass man jeden seiner Einfälle für einen brillanten Standpunkt hält und die Äußerungen des Partners grundsätzlich für dummes Geschwätz, was vor allem dann problematisch ist, wenn es sich genau umgekehrt verhält.

5. Menschen, die auf keinen Fall verletzt werden wollen, verhalten sich ausgesprochen verletzend.

6. Es gibt drei Sorten von Antisemiten: jene, die stolz darauf sind, jene, die es nicht zugeben wollen, und jene, die es nicht wissen.

7. Das Wort »einigermaßen« wird mysteriöserweise ausschließlich ironisch verwendet und entsprechend betont.

8. Die Idee, man begehre seinen Partner für den Rest des Lebens, ist schon deshalb absurd, weil das Begehren sich ja auch schon vorher auf zahlreiche andere Menschen gerichtet hat.

9. Wer nie ernstgenommen wurde, der nimmt niemanden ernst.

10. Es ist faszinierend, wieviel in einen kurzen Blick hineinpasst.

11. Die Leute geben ihre Probleme nur sehr ungern her.

12. Manchen ärgert man am besten, indem man einfach zufrieden ist.

13. In der Ferne ist man wieder ganz sich selbst.

14. Bisweilen hat man einfach nur Angst vor dem nächsten Schritt.

15. Eitelkeit erfordert gewiss keine Schönheit.

Meyer rät, Folge 4

23. Juni 2014

Ich hatte eine kurze, unbedeutende Affaire – muss ich sie meiner Partnerin gestehen?

Was Liebe und Partnerschaft anbelangt, sind zwei Dinge streng auseinanderzuhalten: Ideal und Wirklichkeit. Das Ideal der Liebe ist eigentlich ziemlich bescheuert. Es besagt, dass ein Partner wie ein Füllhorn operiert und einen bis zum Tod zuverlässig und konstant mit tollen Gefühlen aller Art versorgt, nicht  zuletzt der erotischen Art.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Jeder muss sich eines Tages eingestehen, dass es, entgegen aller Schwüre, die er geleistet hat, eine Menge andere Menschen gibt, die er scharf findet, und dass dies bei einigen fatalerweise auf Gegenseitigkeit beruht. Irgendwann geht man dann mit einem davon ins Bett. So wie Sie es nun getan haben, und das vermutlich mit einigem Genuss.

Das ist nicht das Problem, sondern eben die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist banal: Mit wem wir auch immer zusammen sind, wir werden irgendwann mit anderen Menschen Sex wollen und meist auch haben. Das Problem ist, dass wir darin etwas Verwerfliches sehen. Wir reden, wenn jemand mit einem anderen Menschen geschlafen hat als dem, mit der er es üblicherweise tut, von Betrug und Mistkerl und Schlampe. Es ist aber nicht der Akt des Fremdbegehrens und Fremdgehens, der verwerflich ist, sondern die feige Lüge, mit der all dies verhüllt wird.

Sie hätten Ihrer Partnerin von Anfang an sagen sollen, dass es jemanden gibt, der Ihnen gefällt. Das hätte sie nicht gern gehört, aber Sie hätten zusammen ein neues Niveau der Offenheit und damit der Partnerschaft erreichen können. Nun haben Sie stattdessen ein schlechtes Gewissen und erwägen, wie ein Teenager um Vergebung zu bitten. Ja, reden Sie mit Ihrer Partnerin, aber erst, nachdem Sie zu dem stehen können, was Sie getan haben. Das ist eine andere Voraussetzung – eben eine realistische.

 

Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie sie an magazin@sonntagsblick.ch, mit dem Betreff »Meyer«. Die Kolumne »Meyer rät« erscheint wöchentlich im Magazin des Sonntags-Blicks.

Meyer rät, Folge 3

16. Juni 2014

Kürzlich sass neben mir im Kino ein Mann, der die Körperpflege offensichtlich vernachlässigte, kurz: er stank. Wie verhält man sich in einem solchen Fall?

Lassen Sie mich mit einem eigenen betrüblichen Erlebnis beginnen. Ich sass einst mit einem Freund in einem indischen Restaurant in Zürich. Kurz, nachdem unser Mittagessen serviert worden war, setzte sich eine Dame an den Nebentisch, die sich dermassen stark parfürmiert hatte, dass ich mein eigenes Essen nicht mehr riechen konnte (was angesichts der aromatischen indischen Küche wirklich bemerkenswert ist). Es war schlicht ekelerregend, zumal diese Frau – konsequenterweise – ein sehr billiges Parfüm trug. Und noch heute ärgere ich mich, dass ich sie nicht auf ihr asoziales Verhalten hingewiesen und gebeten habe, sich woanders hinzusetzen.

Allerdings hätte sie mit hoher Wahrscheinlichkeit höchst unerfreut reagiert, so wie die meisten Raucher sofort ausfällig werden, wenn man ihnen sagt, ihr Rauch störe einen. Man kennt diese Leugner des Verursacherprinzips aus dem Strassenverkehr: Erst verweigern sie einem den Vortritt und zeigen einem dann den Finger, nachdem man gehupt hat. So sind sie leider, die Menschen: eine Bande von selbstherrlichen, uneinsichtigen Rüpeln, die glauben, sie seien allein auf der Welt.

Die Frage ist einfach, was es nützt, ihnen das zu sagen. Eine solche Situation würde ziemlich sicher eskalieren, denn von einem, der müffelt, sind auch keine feinen Manieren zu erwarten. Erst recht nicht, wenn er, wie der Mann in Ihrem Fall, einen reservierten Sitzplatz neben einem hat.

Die Antwort auf Ihre Frage lautet deshalb: Suchen Sie sich von Anfang an einen anderen Platz. Eine Auseinandersetzung bringt hier nichts. Es steht Ihnen aber eine subtile Form der Zurechtweisung zur Verfügung: Gucken Sie den Stinker richtig böse und kopfschüttelnd an, während Sie aufstehen – er wird dann schon wissen, weshalb!

 

Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie sie an magazin@sonntagsblick.ch, mit dem Betreff »Meyer«. Die Kolumne »Meyer rät« erscheint wöchentlich im Magazin des Sonntags-Blicks.

»Und weil die Kunden es nachfragen bieten wir dies an.«

15. Juni 2014

An der Zürcher Weststrasse hat ein neues Lokal eröffnet, der Salon. Bei meinem Besuch musste ich entsetzt feststellen, dass auf der Menükarte Foie gras angeboten wird. Per Mail wende ich mich an das Lokal:

»Guten Tag,

gestern war ich zum ersten Mal in Ihrem hübschen Lokal zu Gast und habe gut gegessen. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass Sie Foie gras auf der Karte haben. Stopfleber ist ein Qualprodukt. Mit gutem Grund ist die Produktion in der Schweiz verboten.

Sie positionieren sich als modernes, stilvolles Unternehmen in einem urbanen Umfeld. Ein Produkt, das durch Tierquälerei entstanden ist, passt hierzu überhaupt nicht. Ich bitte Sie, dieses Produkt sofort von Ihrer Karte zu nehmen. Bis dahin werde ich von Besuchen im Salon absehen.

Herzliche Grüsse,
Thomas Meyer.«

 

Die Antwort folgt einen Tag später:

»Guten Tag Herr Meyer

Vielen Dank für ihre Rückmeldung. Offenbar sind sie ein sehr bewusster Mensch was Nachhaltigkeit und den Umgang mit Tieren angeht, das unterstreicht ihr Engagement bei Ocean Care und Peta.

Wir finden das lobenswert und können ihre bedenken teils nachvollziehen. Die Fois Gras ist ein fester Bestandteil der französischen Küche, darum und weil die Kunden es nachfragen bieten wir dies an.

Die Diskussion über Tierhaltung ist eine die über die Fois Gras hinweg geht, schlussendlich landen wir bei der Frage ob wir ein vegetarisches Restaurant sein wollen, akutell wollen wir und unsere Gäste das aber noch nicht.

Wir respektieren und schätzen aber alle, die sich für einen anderen Weg entschieden haben.

Freundliche Grüsse
Thomas Trautweiler
im Namen des Salon«

 

Ich schreibe zurück:

»Lieber Herr Trauweiler,

vielen Dank für Ihre freundliche Antwort. Natürlich gibt es in dieser Diskussion keine klaren Linien. Sonst müssten Sie, wie Sie es sagen, ein veganes Restaurant sein – und dann ginge es sofort um Anbau und faire Entlöhnung und dergleichen. Es ist schwierig, das weiss ich sehr wohl.

Aussagen wie »Foie gras ist ein Bestandteil der französischen Küche« überzeugen mich aber nicht. Niemand schreibt Ihnen vor, diesem Axiom zu gehorchen, und wenn Ihre Kunden nach Stopfleber fragen, könnten Sie erklären, warum es bei Ihnen alles gibt, was die französische Küche ausmacht – ausser dies. Das ist eine Entschiedungsfrage.

In meinen Augen hat ein Restaurateur auch aufklärerische Verantwortung. Viele Konsumenten wissen nicht, woher die Dinge kommen, die sie essen.

Dass Sie sich bewusst entscheiden, ein Qualprodukt wie Stopfleber anzubieten, bloss um einem selbstauferlegten Marketingkonzept treu zu sein, befremdet mich. Man kann auch ein glaubwürdiges Bistro ohne Stopfleber sein. An Erfolg mangelt es Ihnen ja nicht.

Bitte überdenken Sie Ihre Haltung noch einmal. Das Tierleid ist unermesslich – wegen Argumenten, wie Sie sie anführen.

Herzliche Grüsse,
Thomas Meyer.«

 

Es ist mir ein Rätsel, wie man das Tierleid nicht nur ausblenden, sondern auch noch glorifizieren kann – die französische Nationalversammlung hat Foie gras 2005 zum »nationalen und gastronomischen Kulturerbe« erklärt und von den Tierschutzgesetzen ausgeschlossen. Dieser Argument folgt nun auch das Restaurant Salon.

Wer gern Foie gras isst, sollte sich zumindest dieses Video anschauen. Wem danach der Appetit vergangen ist, möge Herrn Trautweiler und alle seine Kollegen bitten, dieses Grauen von der Karte zu nehmen.

 


 

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