Meyer rät, Folge 4

23. Juni 2014

Ich hatte eine kurze, unbedeutende Affaire – muss ich sie meiner Partnerin gestehen?

Was Liebe und Partnerschaft anbelangt, sind zwei Dinge streng auseinanderzuhalten: Ideal und Wirklichkeit. Das Ideal der Liebe ist eigentlich ziemlich bescheuert. Es besagt, dass ein Partner wie ein Füllhorn operiert und einen bis zum Tod zuverlässig und konstant mit tollen Gefühlen aller Art versorgt, nicht  zuletzt der erotischen Art.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Jeder muss sich eines Tages eingestehen, dass es, entgegen aller Schwüre, die er geleistet hat, eine Menge andere Menschen gibt, die er scharf findet, und dass dies bei einigen fatalerweise auf Gegenseitigkeit beruht. Irgendwann geht man dann mit einem davon ins Bett. So wie Sie es nun getan haben, und das vermutlich mit einigem Genuss.

Das ist nicht das Problem, sondern eben die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist banal: Mit wem wir auch immer zusammen sind, wir werden irgendwann mit anderen Menschen Sex wollen und meist auch haben. Das Problem ist, dass wir darin etwas Verwerfliches sehen. Wir reden, wenn jemand mit einem anderen Menschen geschlafen hat als dem, mit der er es üblicherweise tut, von Betrug und Mistkerl und Schlampe. Es ist aber nicht der Akt des Fremdbegehrens und Fremdgehens, der verwerflich ist, sondern die feige Lüge, mit der all dies verhüllt wird.

Sie hätten Ihrer Partnerin von Anfang an sagen sollen, dass es jemanden gibt, der Ihnen gefällt. Das hätte sie nicht gern gehört, aber Sie hätten zusammen ein neues Niveau der Offenheit und damit der Partnerschaft erreichen können. Nun haben Sie stattdessen ein schlechtes Gewissen und erwägen, wie ein Teenager um Vergebung zu bitten. Ja, reden Sie mit Ihrer Partnerin, aber erst, nachdem Sie zu dem stehen können, was Sie getan haben. Das ist eine andere Voraussetzung – eben eine realistische.

 

Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie sie an magazin@sonntagsblick.ch, mit dem Betreff »Meyer«. Die Kolumne »Meyer rät« erscheint wöchentlich im Magazin des Sonntags-Blicks.

Meyer rät, Folge 3

16. Juni 2014

Kürzlich sass neben mir im Kino ein Mann, der die Körperpflege offensichtlich vernachlässigte, kurz: er stank. Wie verhält man sich in einem solchen Fall?

Lassen Sie mich mit einem eigenen betrüblichen Erlebnis beginnen. Ich sass einst mit einem Freund in einem indischen Restaurant in Zürich. Kurz, nachdem unser Mittagessen serviert worden war, setzte sich eine Dame an den Nebentisch, die sich dermassen stark parfürmiert hatte, dass ich mein eigenes Essen nicht mehr riechen konnte (was angesichts der aromatischen indischen Küche wirklich bemerkenswert ist). Es war schlicht ekelerregend, zumal diese Frau – konsequenterweise – ein sehr billiges Parfüm trug. Und noch heute ärgere ich mich, dass ich sie nicht auf ihr asoziales Verhalten hingewiesen und gebeten habe, sich woanders hinzusetzen.

Allerdings hätte sie mit hoher Wahrscheinlichkeit höchst unerfreut reagiert, so wie die meisten Raucher sofort ausfällig werden, wenn man ihnen sagt, ihr Rauch störe einen. Man kennt diese Leugner des Verursacherprinzips aus dem Strassenverkehr: Erst verweigern sie einem den Vortritt und zeigen einem dann den Finger, nachdem man gehupt hat. So sind sie leider, die Menschen: eine Bande von selbstherrlichen, uneinsichtigen Rüpeln, die glauben, sie seien allein auf der Welt.

Die Frage ist einfach, was es nützt, ihnen das zu sagen. Eine solche Situation würde ziemlich sicher eskalieren, denn von einem, der müffelt, sind auch keine feinen Manieren zu erwarten. Erst recht nicht, wenn er, wie der Mann in Ihrem Fall, einen reservierten Sitzplatz neben einem hat.

Die Antwort auf Ihre Frage lautet deshalb: Suchen Sie sich von Anfang an einen anderen Platz. Eine Auseinandersetzung bringt hier nichts. Es steht Ihnen aber eine subtile Form der Zurechtweisung zur Verfügung: Gucken Sie den Stinker richtig böse und kopfschüttelnd an, während Sie aufstehen – er wird dann schon wissen, weshalb!

 

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»Und weil die Kunden es nachfragen bieten wir dies an.«

15. Juni 2014

An der Zürcher Weststrasse hat ein neues Lokal eröffnet, der Salon. Bei meinem Besuch musste ich entsetzt feststellen, dass auf der Menükarte Foie gras angeboten wird. Per Mail wende ich mich an das Lokal:

»Guten Tag,

gestern war ich zum ersten Mal in Ihrem hübschen Lokal zu Gast und habe gut gegessen. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass Sie Foie gras auf der Karte haben. Stopfleber ist ein Qualprodukt. Mit gutem Grund ist die Produktion in der Schweiz verboten.

Sie positionieren sich als modernes, stilvolles Unternehmen in einem urbanen Umfeld. Ein Produkt, das durch Tierquälerei entstanden ist, passt hierzu überhaupt nicht. Ich bitte Sie, dieses Produkt sofort von Ihrer Karte zu nehmen. Bis dahin werde ich von Besuchen im Salon absehen.

Herzliche Grüsse,
Thomas Meyer.«

 

Die Antwort folgt einen Tag später:

»Guten Tag Herr Meyer

Vielen Dank für ihre Rückmeldung. Offenbar sind sie ein sehr bewusster Mensch was Nachhaltigkeit und den Umgang mit Tieren angeht, das unterstreicht ihr Engagement bei Ocean Care und Peta.

Wir finden das lobenswert und können ihre bedenken teils nachvollziehen. Die Fois Gras ist ein fester Bestandteil der französischen Küche, darum und weil die Kunden es nachfragen bieten wir dies an.

Die Diskussion über Tierhaltung ist eine die über die Fois Gras hinweg geht, schlussendlich landen wir bei der Frage ob wir ein vegetarisches Restaurant sein wollen, akutell wollen wir und unsere Gäste das aber noch nicht.

Wir respektieren und schätzen aber alle, die sich für einen anderen Weg entschieden haben.

Freundliche Grüsse
Thomas Trautweiler
im Namen des Salon«

 

Ich schreibe zurück:

»Lieber Herr Trauweiler,

vielen Dank für Ihre freundliche Antwort. Natürlich gibt es in dieser Diskussion keine klaren Linien. Sonst müssten Sie, wie Sie es sagen, ein veganes Restaurant sein – und dann ginge es sofort um Anbau und faire Entlöhnung und dergleichen. Es ist schwierig, das weiss ich sehr wohl.

Aussagen wie »Foie gras ist ein Bestandteil der französischen Küche« überzeugen mich aber nicht. Niemand schreibt Ihnen vor, diesem Axiom zu gehorchen, und wenn Ihre Kunden nach Stopfleber fragen, könnten Sie erklären, warum es bei Ihnen alles gibt, was die französische Küche ausmacht – ausser dies. Das ist eine Entschiedungsfrage.

In meinen Augen hat ein Restaurateur auch aufklärerische Verantwortung. Viele Konsumenten wissen nicht, woher die Dinge kommen, die sie essen.

Dass Sie sich bewusst entscheiden, ein Qualprodukt wie Stopfleber anzubieten, bloss um einem selbstauferlegten Marketingkonzept treu zu sein, befremdet mich. Man kann auch ein glaubwürdiges Bistro ohne Stopfleber sein. An Erfolg mangelt es Ihnen ja nicht.

Bitte überdenken Sie Ihre Haltung noch einmal. Das Tierleid ist unermesslich – wegen Argumenten, wie Sie sie anführen.

Herzliche Grüsse,
Thomas Meyer.«

 

Es ist mir ein Rätsel, wie man das Tierleid nicht nur ausblenden, sondern auch noch glorifizieren kann – die französische Nationalversammlung hat Foie gras 2005 zum »nationalen und gastronomischen Kulturerbe« erklärt und von den Tierschutzgesetzen ausgeschlossen. Dieser Argument folgt nun auch das Restaurant Salon.

Wer gern Foie gras isst, sollte sich zumindest dieses Video anschauen. Wem danach der Appetit vergangen ist, möge Herrn Trautweiler und alle seine Kollegen bitten, dieses Grauen von der Karte zu nehmen.

 

Meyer rät, Folge 2

12. Juni 2014

Ich habe einem Arbeitskollegen fürs Mittagessen 20 Franken geliehen. Das war vor zwei Wochen; bisher habe ich das Geld nicht wiedererhalten. Wie soll ich den Kollegen darauf ansprechen?

20 Franken sind das, was man gemeinhin einen Scheissbetrag nennt. Es ist zuwenig, um eine richtige Schuld zu sein, und geht deshalb rasch vergessen. Ihr Kollege wird sich kaum die Hände reiben, weil er Sie auf raffinierte Weise um 20 Franken erleichtert hat – vielmehr erinnert er sich wohl schlicht nicht mehr daran, dass er Ihnen Geld schuldet.

20 Franken sind auch deshalb ein Scheissbetrag, weil er bei dem, der ihn einfordern will, die merkwürdige Angst erzeugt, ein knausriger Mensch zu sein. Diese Angst lässt uns auf manchen Protest verzichten, von dem wir fürchten, er mache uns zu einem unsympathischen Menschen: Wir tolerieren die frechen Bemerkungen unserer Freunde, weil wir nicht humorlos sein möchten, wir dulden schlechten Service, weil wir nicht kompliziert sein möchten, wir nehmen unliebsame Einladungen an, weil wir nicht unfreundlich sein möchten, und wir unterlassen es, 20 Franken zurückzuverlangen, weil wir nicht geldgierig sein möchten, kurz: weil wir wollen, dass uns alle liebhaben.

Die Folge dieses wiederholten Schweigens, wo durchaus etwas gesagt werden müsste, ist jedoch leider, dass man zu einem kompletten Weichei wird, das sich alles gefallen lässt. Es ist dann zwar keiner sauer auf einen, aber es nimmt einen auch niemand für voll. Und zwar zurecht. Genau deshalb – und nur deshalb – müssen Sie das Geld zurückfordern. Die Schüchternheit, die Sie daran hindert, hilft Ihnen nichts, sondern kostet Sie Selbstachtung. Und zwar im Gegenwert von weit mehr als 20 Franken.

Erinnern Sie Ihren Kollegen also freundlich daran, dass Sie ihm kürzlich 20 Franken geliehen und noch nicht zurückbekommen haben. Es ist egal, ob er sie nachher nicht mehr liebhat. Wichtig ist, dass Sie für sich einstehen. Und in dieser Hinsicht sind 20 Franken alles andere als ein Scheissbetrag.

 

Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie sie an magazin@sonntagsblick.ch, mit dem Betreff »Meyer«. Die Kolumne »Meyer rät« erscheint wöchentlich im Magazin des Sonntags-Blicks.


 

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