Thomas Meyer, hier in seiner bevorzugten Verkleidung als Gabelstabler »Yale VT«, wurde 1974 geboren. In ihm treffen zwei eher unterschiedliche Stämme aufeinander: eine ukrainische Rabbinerdynastie und die Meyers, die seit dem Mittelalter in Birmensdorf bei Zürich ansässig waren. Die einen brachten Kommunisten hervor, die anderen Bankdirektoren. Und jetzt soll das mal einer aushalten.

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Postkarten von Thomas Meyer

Die Mai-Liste

1. Glück ist eine leere Mailbox.

2. Viele Menschen schaffen Zimmerpflanzen anscheinend nur an, um ihnen beim Vertrocknen zuzuschauen.

3. Wir sind alle zuckersüchtig.

4. Das ungenutzte Talent ist ein Affront gegenüber dem schenkenden Gott.

5. Wir erleben die Hochblüte der Egoistischen Epoche.

6. Nicht der Mensch hat sich entwickelt, bloss seine Werkzeuge.

7. Es gibt verblüffend viele Leute, die einem unmöglich erklären können, was sie beruflich genau machen.

8. Moral ist das Gefühl vor dem Spiegel.

9. Dass zwei Menschen sich ein Leben lang in eine ähnliche Richtung entwickeln und einander damit immer wieder Anlass für einen gemeinsamen Weg geben, ist eine Ausnahme.

10. Die Regel ist, dass zwei Menschen einander aus einer aktuellen Resonanz heraus treffen.

11. Frauen sind stolz, Männer sind eitel, und beide sind darin am verletzlichsten.

12. Die Emanzipation muss als gescheitert bezeichnet werden.

13. Der Mensch ist nur deshalb so arrogant, weil ihm die Luft zum Atmen noch nicht knapp geworden ist.

14. Man schaut einander nie länger als zwei Sekunden in die Augen.

15. Neben Messer und Gabel ist das Handy das dritte Besteck geworden.

16. Manch einer hat einfach noch nie eins in die Fresse bekommen.

17. Freunde sind die, die dir die Dinge sagen, die du nicht hören willst.

18. Das positive Gefühl, das sich auf eine einzelne Person ausrichtet, heisst nicht Liebe, sondern Besitzanspruch.

19. Das positive Gefühl, das sich auf alle Lebewesen und das Leben ausrichtet, heisst Liebe.

20. Es gibt keine Bösartigkeit, bloss Hilflosigkeit.

 

Das Gleiche ist nicht dasselbe wie dasselbe

Schlafen zwei Menschen im gleichen Bett, heisst das nicht, dass sie näher miteinander bekannt sind – sondern dass sie sich für das gleiche Modell entschieden haben:

 

Diese beiden Menschen schlafen im gleichen Bett: Es handelt sich um zwei identische, baugleiche Betten. Ein anderes Beispiel wäre: »Ich und mein Nachbar haben das gleiche Auto, einen Toyota Prius.« 

 

Ganz anders sieht die Sache aus, wenn zwei Menschen im selben Bett schlafen: Dann ist nur ein Bett gemeint.

 

Die zwei hier liegen im selben Bett, vermutlich leben sie auch in derselben Wohnung in derselben Stadt. 

 

Das heisst aber auch: »Im gleichen Jahr« oder »am gleichen Tag« sind grundsätzliche falsche Formulierungen. Richtig ist: dasselbe Jahr, derselbe Tag. Es gibt keine identischen Tage.

In der Schweiz kennt man derselbe, dieselbe und dasselbe nicht und redet immer vom gleichen Auto, dem gleichen Tag – aber auch vom gleichen Bett, weswegen, siehe oben, häufig völlig unberechtigte Verdächtigungen erhoben werden: »Soso, Ihr schlaft im gleichen Bett!« »Ja, aber nicht so, wir haben es beide bei IKEA–« »Jaja, schon klar.«

 

About letting go

 

Zeitgleich und gleichzeitig: von Zeiten und Zeitpunkten

Gewisse Dinge sind komplett unlogisch. Warum glauben die Menschen den offensichtlichen Lügen der Politiker? Warum beuten sie den Planeten aus, als hätten sie zehn davon in Reserve? Und warum sagen sie nur noch »zeitgleich«, wenn sie eigentlich »gleichzeitig« meinen?

Gleichzeitig geschehen Dinge, die im selben Moment stattfinden. Es wird also der Zeitpunkt beschrieben. Das Wort zeitgleich hingegen beschreibt eine Zeitdauer.

 

Diese beiden Fahrer treffen gleichzeitig im Ziel ein. Das Rennen dauerte 1 Stunde, 31 Minuten und 12 Sekunden, und beide Fahrer überqueren in diesem Moment die Ziellinie.

 

Diese beiden Fahrer hingegen treffen zeitgleich im Ziel ein: Sie haben für die Strecke genau gleich viel Zeit benötigt (wir gehen davon aus, dass der rote Fahrer tatsächlich noch exakt drei Sekunden ins Ziel benötigt). Gestartet sind sie anscheinend aber nicht gleichzeitig, sonst sähe die Situation wieder aus wie oben.

 

Das heisst: Gleichzeitig heisst im selben Moment, zeitgleich heisst gleich viel Zeit. Die beiden Wörter stehen nicht synonym zueinander, und wer sie dennoch so gebraucht, kann auch gleich einen Lügner zu seinem Präsidenten wählen.

 

About balance

 

Wolkenbruch in den Medien

Buchtipp auf lettra.tv, Berlin
(7. Mai 2012)

Rezension im Zürcher Tagblatt
(18. April 2012)

Interview auf DRS 2
(4. April 2012)

Rezension auf readme.de
(3. April 2012)

Interview im Tages-Anzeiger
(19. März 2012)

 

Wieviel ist »eine Zunahme um das Dreifache«?

»Dreimal mehr deutsche Chefs als vor zehn Jahren« titelt der Schweizer Tages-Anzeiger und führt aus: »Waren 2002 nämlich 16’271 Schweizer Kadermitglieder deutsche Staatsbürger, sind es aktuell 50’493. Dies entspricht einer Zunahme um mehr als das Dreifache über die letzten zehn Jahre.«

Stimmt das?

Nein. Eine Zunahme um das Dreifache (oder auch »dreimal mehr«) hiesse, dass der Grundwert um ein Dreifaches seiner selbst ergänzt worden wäre, was in diesem Fall über 64’000 deutschen Chefs entspräche. Der Unterschied in der Sprache ist klein, in der Rechnung aber entscheidend:

 

Gehen wir in unserem Beispiel von einer Grundmenge von 2 Personen aus. 

 

Will man ausdrücken, dass neu, wie im obigen Beispiel, dreimal so viele Personen vorhanden sind, muss man es genau so sagen: »Dreimal so viele.« Oder aber, wenn man es kompliziert mag: »Dies entspricht einer Zunahme um das Doppelte.« In beiden Fällen stehen am Ende 6 Personen da.

 

»Eine Zunahme um das Dreifache« ist hingegen etwas anderes: Wenn etwas »um das Dreifache zunimmt«, ist es am Schluss viermal so gross. »Dreimal mehr« heisst das gleiche: Einmal und dreimal gleich viermal.

 

Im Lead zur obigen Meldung hat es der Tages-Anzeiger übrigens richtig gesagt: »Laut einer Studie hat sich seit 2002 die Zahl deutscher Staatsbürger an der Spitze von Schweizer Firmen mehr als verdreifacht.«

 

Warum die Bevölkerung nicht dem Volk entspricht

Man kann es täglich lesen: »Die Bevölkerung wird informiert«, »die Bevölkerung wählt«, »die Bevölkerung demonstriert«. Doch genaugenommen ist das falsch. Denn es ist das Volk, das informiert wird, wählt und demonstriert. Die Bevölkerung hingegen ist ein Synonym für die Besiedlung (»die Bevölkerung Nordamerikas über die Beringstrasse vor 40’000 Jahren«).

Sehen Sie hier:

 

Das Volk besteht aus einer bestimmten Gruppe von Menschen; das Schweizer Volk, das jüdische Volk, das Stimmvolk. Bitte entschuldigen Sie die krude Grafik, ich bin Texter.

 

Hier ist eine Bevölkerung im Gange, eine Besiedlung: Ein Volk wandert und siedelt an einem Ort an. Freiwillig oder zwangsweise.

 

Volk verhält sich also zu Bevölkerung wie Wasser zu Bewässerung, was auch nicht das gleiche ist, sowenig wie Staub und Bestäubung, Frage und Befragung, Schranke und Beschränkung, Steuer und Besteuerung, Hand und Behandlung oder Schall und Beschallung.

Weshalb das Wort Volk ersetzt wurde, darüber lässt sich nur mutmassen. Womöglich wirkt es seit seinem Missbrauch (»Deutsches Volk, erwache!«, »Völkischer Beobachter«) zwingend als Ausdruck der Geisteshaltung jener, die es missbraucht haben, und wird deshalb gemieden.

Doch die Tatsache bleibt: Das Volk ist nicht gleich der Bevölkerung, denn diese drückt einen Vorgang aus.

 

Hin oder her? Das Märchen von der richtigen Richtung

Es waren einmal ein Prinz und eine Prinzessin, die hatten gewisse Verständigungsprobleme.

 

So sprach der Prinz, doch vergass er, dass es zwischen »hinunter« und »herunter« einen wesentlichen Unterschied gibt …

 

… nämlich jenen der Richtung. Die Prinzessin korrigiert ihren Verehrer auch schon. 

 

Nun macht der Prinz es richtig: Die Vorsilbe »her« kennzeichnet die Richtung auf den Sprecher zu, »hin« die Richtung vom Sprecher weg.

 

Und schon fällt das Haar, in Richtung des Prinzen und damit von der Prinzessin weg, also hinunter.

 

Der Prinz freut sich. Dies übrigens in korrektem Deutsch: Verben im übertragenen Sinn werden durchgehend mit »her« gebildet: über jemanden herfallen, auf jemanden hereinfallen, etwas herunterspielen. 

(Bitte entschuldigen Sie die krude Grafik. Ich bin Texter.)

 

Immer diese Wiederholungen-Wiederholungen!

Heute lernen wir das redundante Akronym kennen. Es handelt sich dabei um eine Abkürzung, deren letzter Buchstabe ausformuliert nachgestellt wird. So bedeutet ISBN zwar International Standard Book Number, häufig wird jeoch von der »ISBN-Nummer« gesprochen – und damit die Nummer doppelt genannt. Hier einige Beispiele.

 

Das »HIV-Virus«, also das ungemein gefährliche Human-Immunodeficiency-Virus-Virus

 

Die »ISBN-Nummer«, also die sehr lange Internationale-Standardbuchnummer-Nummer

 

Das »LCD-Display«, also das äusserst leistungsfähige Liquid-Crystal-Display-Display

 

Die »VIP-Person«, also die übermenschliche Very-Important-Person-Person