»Und weil die Kunden es nachfragen bieten wir dies an.«

15. Juni 2014

An der Zürcher Weststrasse hat ein neues Lokal eröffnet, der Salon. Bei meinem Besuch musste ich entsetzt feststellen, dass auf der Menükarte Foie gras angeboten wird. Per Mail wende ich mich an das Lokal:

»Guten Tag,

gestern war ich zum ersten Mal in Ihrem hübschen Lokal zu Gast und habe gut gegessen. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass Sie Foie gras auf der Karte haben. Stopfleber ist ein Qualprodukt. Mit gutem Grund ist die Produktion in der Schweiz verboten.

Sie positionieren sich als modernes, stilvolles Unternehmen in einem urbanen Umfeld. Ein Produkt, das durch Tierquälerei entstanden ist, passt hierzu überhaupt nicht. Ich bitte Sie, dieses Produkt sofort von Ihrer Karte zu nehmen. Bis dahin werde ich von Besuchen im Salon absehen.

Herzliche Grüsse,
Thomas Meyer.«

 

Die Antwort folgt einen Tag später:

»Guten Tag Herr Meyer

Vielen Dank für ihre Rückmeldung. Offenbar sind sie ein sehr bewusster Mensch was Nachhaltigkeit und den Umgang mit Tieren angeht, das unterstreicht ihr Engagement bei Ocean Care und Peta.

Wir finden das lobenswert und können ihre bedenken teils nachvollziehen. Die Fois Gras ist ein fester Bestandteil der französischen Küche, darum und weil die Kunden es nachfragen bieten wir dies an.

Die Diskussion über Tierhaltung ist eine die über die Fois Gras hinweg geht, schlussendlich landen wir bei der Frage ob wir ein vegetarisches Restaurant sein wollen, akutell wollen wir und unsere Gäste das aber noch nicht.

Wir respektieren und schätzen aber alle, die sich für einen anderen Weg entschieden haben.

Freundliche Grüsse
Thomas Trautweiler
im Namen des Salon«

 

Ich schreibe zurück:

»Lieber Herr Trauweiler,

vielen Dank für Ihre freundliche Antwort. Natürlich gibt es in dieser Diskussion keine klaren Linien. Sonst müssten Sie, wie Sie es sagen, ein veganes Restaurant sein – und dann ginge es sofort um Anbau und faire Entlöhnung und dergleichen. Es ist schwierig, das weiss ich sehr wohl.

Aussagen wie »Foie gras ist ein Bestandteil der französischen Küche« überzeugen mich aber nicht. Niemand schreibt Ihnen vor, diesem Axiom zu gehorchen, und wenn Ihre Kunden nach Stopfleber fragen, könnten Sie erklären, warum es bei Ihnen alles gibt, was die französische Küche ausmacht – ausser dies. Das ist eine Entschiedungsfrage.

In meinen Augen hat ein Restaurateur auch aufklärerische Verantwortung. Viele Konsumenten wissen nicht, woher die Dinge kommen, die sie essen.

Dass Sie sich bewusst entscheiden, ein Qualprodukt wie Stopfleber anzubieten, bloss um einem selbstauferlegten Marketingkonzept treu zu sein, befremdet mich. Man kann auch ein glaubwürdiges Bistro ohne Stopfleber sein. An Erfolg mangelt es Ihnen ja nicht.

Bitte überdenken Sie Ihre Haltung noch einmal. Das Tierleid ist unermesslich – wegen Argumenten, wie Sie sie anführen.

Herzliche Grüsse,
Thomas Meyer.«

 

Es ist mir ein Rätsel, wie man das Tierleid nicht nur ausblenden, sondern auch noch glorifizieren kann – die französische Nationalversammlung hat Foie gras 2005 zum »nationalen und gastronomischen Kulturerbe« erklärt und von den Tierschutzgesetzen ausgeschlossen. Dieser Argumention folgt auch das Restaurant Salon.

Wer gern Foie gras isst, sollte sich zumindest dieses Video anschauen. Wem danach der Appetit vergangen ist, möge Herrn Trautweiler und alle seine Kollegen bitten, dieses Grauen von der Karte zu nehmen.

 

Meyer rät, Folge 2

12. Juni 2014

Ich habe einem Arbeitskollegen fürs Mittagessen 20 Franken geliehen. Das war vor zwei Wochen; bisher habe ich das Geld nicht wiedererhalten. Wie soll ich den Kollegen darauf ansprechen?

20 Franken sind das, was man gemeinhin einen Scheissbetrag nennt. Es ist zuwenig, um eine richtige Schuld zu sein, und geht deshalb rasch vergessen. Ihr Kollege wird sich kaum die Hände reiben, weil er Sie auf raffinierte Weise um 20 Franken erleichtert hat – vielmehr erinnert er sich wohl schlicht nicht mehr daran, dass er Ihnen Geld schuldet.

20 Franken sind auch deshalb ein Scheissbetrag, weil er bei dem, der ihn einfordern will, die merkwürdige Angst erzeugt, ein knausriger Mensch zu sein. Diese Angst lässt uns auf manchen Protest verzichten, von dem wir fürchten, er mache uns zu einem unsympathischen Menschen: Wir tolerieren die frechen Bemerkungen unserer Freunde, weil wir nicht humorlos sein möchten, wir dulden schlechten Service, weil wir nicht kompliziert sein möchten, wir nehmen unliebsame Einladungen an, weil wir nicht unfreundlich sein möchten, und wir unterlassen es, 20 Franken zurückzuverlangen, weil wir nicht geldgierig sein möchten, kurz: weil wir wollen, dass uns alle liebhaben.

Die Folge dieses wiederholten Schweigens, wo durchaus etwas gesagt werden müsste, ist jedoch leider, dass man zu einem kompletten Weichei wird, das sich alles gefallen lässt. Es ist dann zwar keiner sauer auf einen, aber es nimmt einen auch niemand für voll. Und zwar zurecht. Genau deshalb – und nur deshalb – müssen Sie das Geld zurückfordern. Die Schüchternheit, die Sie daran hindert, hilft Ihnen nichts, sondern kostet Sie Selbstachtung. Und zwar im Gegenwert von weit mehr als 20 Franken.

Erinnern Sie Ihren Kollegen also freundlich daran, dass Sie ihm kürzlich 20 Franken geliehen und noch nicht zurückbekommen haben. Es ist egal, ob er sie nachher nicht mehr liebhat. Wichtig ist, dass Sie für sich einstehen. Und in dieser Hinsicht sind 20 Franken alles andere als ein Scheissbetrag.

 

Haben Sie auch eine Frage? Mailen Sie sie an magazin@sonntagsblick.ch, mit dem Betreff »Meyer«. Die Kolumne »Meyer rät« erscheint wöchentlich im Magazin des Sonntags-Blicks.

Die Juni-Liste

9. Juni 2014

1. Mut bedeutet, die Dinge zu tun, die getan werden müssen.

2. Die Feigheit trägt stets hübsche Kleider.

3. »Gesunder Menschenverstand« ist etwas, das noch jeder für sich in Anspruch genommen hat.

4. Umgekehrt gibt es wohl keinen, der seine Persönlichkeit als gestört bezeichnen würde.

5. Häme ist nicht Humor.

6. Man muss die Härte aufbringen, gewisse Diskussionen schlicht nicht zu führen.

7. Gelöste Probleme sind sexy.

8. Es ist ein Zeichen der Unreife, den Charakter eines anderen ändern zu wollen, ja überhaupt zu kommentieren.

9. Ohnehin ist es wirtschaftlicher, sich ausschliesslich mit Leuten zu umgeben, die einem in den wesentlichen Belangen entsprechen.

10. Faszinierend, dass Minderwertigkeitskomplexe fast immer durch Grössenwahn kompensiert werden.

11. Der wichtigste Satz, mit dem man sich regelmässig zur Ordnung rufen muss, lautet: »Das geht mich nichts an.«

12. Wie grosszügig jemand ist, zeigt sich an seiner Reaktion auf eine andere Meinung.

13. Man kennt erschreckend viele Rassisten.

14. Hinter bieder gekleideten Frauen wartet grosses Vergnügen.

15. Übrigens enden auch Bio-Rinder im Schlachthof.

Meyer rät, Folge 1

28. Mai 2014

Ich bin vor einiger Zeit Vater einer Tochter geworden. Die Mutter meiner Partnerin, die schon vorher zu allem ihre Meinung äussern musste, mischt sich nun ständig in die Erziehung ein. Was soll ich tun?

Sie haben ein Problem. Genaugenommen zwei. Denn eigentlich wäre es die Aufgabe Ihrer Partnerin, deren Mutter in die Schranken zu weisen. Das ist offenbar unterlassen worden, und zwar schon seit Anbeginn.

Viele Mütter sind leider vollkommen unfähig, eine gesunde Distanz zu ihrem erwachsenen Kind zu entwickeln, vor allem zur erwachsenen Tochter. Sie leiten ihr ganzes Selbstwertgefühl davon ab, gebraucht zu werden. Sie sind süchtig nach diesem Gefühl und werden in der Folge beschaffungskriminell.

Dies äussert sich, wie Sie bemerkt haben, in ständiger Einmischung. Solche Mütter haben zu allem eine Meinung und lassen nichts gelten, was ihr Kind entscheidet, sie wissen nämlich alles besser.

Ihre Partnerin muss lernen, sich gegen diese Übergriffe abzugrenzen. Teilen Sie ihr dies mit und sorgen Sie radikal dafür, dass sie die Problematik nicht länger mit Ihnen bespricht, sondern am besten mit einem Gesprächs- oder Verhaltenstherapeuten. Indem Sie sich mit Ihnen über die Schwiegermutter aufregt, bilden Sie eine sich selbst zementierende Opfergemeinschaft.

Ihre Partnerin wird diese Abgrenzung vermutlich als verletzend empfinden, tatsächlich ist es aber ein Zeichen von Respekt, denn Sie muten ihr damit zu, die Sache selbständig bewältigen zu können. Sagen Sie ihr auch dies.

Auch Sie müssen sich abgrenzen gegen die Schwiegermutter. Mischt sie sich ein, teilen Sie ihr ab sofort jedesmal freundlich mit, dass Sie sie nicht um ihre Meinung gebeten haben. Das wird übrigens weitaus leichter akzeptiert, wenn Sie sie hin und wieder explizit um ihren Rat fragen (vergessen Sie nicht, Sie haben es mit einer Süchtigen zu tun).

Dieses neue Verhalten wird Ihnen viel Überwindung abverlangen. Aber es gibt leider keine Alternative, wenn Sie nicht ebenfalls dem Wahnsinn verfallen wollen.

 

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